Nahrungsergänzungsmittel 2026: Wo die nächsten Wachstumsmärkte entstehen

06.09.2026

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Gesundes Altern, Frauengesundheit, Mikrobiom und Ernährung unter GLP-1-Therapie verändern den Markt für Nahrungsergänzungsmittel. Tragfähige Innovation entsteht dort, wo ein konkreter Bedarf auf belastbare Evidenz und eine alltagstaugliche Formulierung trifft. Für Hersteller entscheidet zunehmend die Qualität dieser Verbindung über den wirtschaftlichen Erfolg.

Der NEM-Markt verbreitert sich: Neue Käufergruppen, spezialisierte Rohstoffe und zusätzliche Einkaufswege eröffnen Geschäftsfelder. Gleichzeitig konkurrieren Anbieter um Aufmerksamkeit, Vertrauen und einen festen Platz im täglichen Konsum. Vier Trendlinien erscheinen aus heutiger Sicht besonders relevant. Ihre wissenschaftliche und kommerzielle Reife unterscheidet sich allerdings erheblich.

Der Markt wächst – seine Vermessung verändert sich ebenfalls

Die im Juni 2026 veröffentlichte Analyse des Arbeitskreises Nahrungsergänzungsmittel im Lebensmittelverband Deutschland weist rund 4,3 Milliarden Euro Umsatz und 415 Millionen Packungen aus. Der Erhebungszeitraum lautet September 2024 bis September 2025. Erstmals verbindet die Untersuchung Handels- und Haushaltspanels so, dass auch zusätzliche Online- und Direktvertriebswege erfasst werden. Ein Vergleich mit den 241 Millionen Packungen der älteren Auswertung für 2022 würde Marktwachstum und erweiterte Erfassung vermischen.[1]

Eine getrennte Wachstumsbetrachtung liefert IQVIA für den breiteren deutschen VMHS-Markt, der Vitamine, Mineralstoffe, pflanzliche Präparate und Supplements einschließlich entsprechender Arzneimittel umfasst. In Apotheken einschließlich Versand sowie Drogerien und Supermärkten stieg der Umsatz im gleitenden Zwölfmonatszeitraum bis Februar 2025 um 9,9 Prozent, der Packungsabsatz um 7,6 Prozent. Hier ist also auch Mengenwachstum sichtbar; die Differenz enthält Preis- und Sortimentsverschiebungen. Packungen messen dabei weder Wirkstoffmengen noch Einnahmetage. Diese Abgrenzung ist mit der NEM-Analyse des Verbands nicht identisch.[2]

Im engeren NEM-Markt entfallen laut Verbandsanalyse 45 Prozent der Packungen auf Drogeriemärkte. Stationäre Apotheken, Drogerien, Lebensmittelhandel sowie Bio- und Reformhäuser erreichen zusammen 77,5 Prozent des Absatzes, aber 47,6 Prozent des Umsatzes. Online- und Versandkanäle stehen für 22,5 Prozent des Absatzes. Vitamine und Mineralstoffe bleiben mit rund 48 Prozent des Umsatzes die wirtschaftliche Basis.[1]

Herstellermarken und Eigenmarken besetzen inzwischen auch spezialisierte Nutzenfelder. Am 5. September 2026 bewirbt dm Mivolis GehirnFit mit DHA und Cholin sowie ein veganes Kollagen-Support-Pulver aus Aminosäuren und Mikronährstoffen als Neuheiten.[3]Verlässlich abgegrenzte NEM-Anteile von Marken und Eigenmarken lassen sich aus den geprüften öffentlichen Daten nicht ableiten. Für Österreich und die Schweiz fehlt zudem eine direkt vergleichbare Gesamtmarktserie.

Für die Vermarktung zeigt die österreichische SafeNEM-Studie ein aufschlussreiches Muster: In neun qualitativen Brancheninterviews aus 2025 spielen eigene Webshops, Social Media, Suchmaschinenwerbung und Newsletter eine zentrale Rolle; hinzu kommen Apotheken und Plattformen. Die Befragten beschreiben hohe Werbekosten als Markteintrittshürde.[4] Daraus ergibt sich ein wirtschaftlicher Zielkonflikt: Ein leicht kopierbares Produkt benötigt laufend neue Reichweite, während ein wissenschaftlich differenziertes Angebot zunächst höhere Entwicklungskosten trägt.

Gesundes Altern wird zur Frage der Muskelfunktion

Healthy Ageing besitzt dort besondere Substanz, wo es um den Erhalt konkreter Fähigkeiten geht. Muskelkraft verbindet die Bedürfnisse älterer Menschen mit dem etablierten Sporternährungsmarkt. Kreatin ist dafür ein belastbares Beispiel: Der EU-Claim für Erwachsene über 55 Jahre bezieht sich auf eine Steigerung der Wirkung von Krafttraining auf die Muskelkraft. Vorgesehen sind täglich drei Gramm Kreatin und ein progressives Training mindestens dreimal pro Woche über mehrere Wochen mit der festgelegten Intensität von 65 bis 75 Prozent des Einwiederholungsmaximums.[5]

Die kommerzielle Ausweitung lässt sich bereits beobachten. Seit Oktober 2025 vertreibt Ehrmann High-Protein-Creatine-Produkte mit Alzchems Creavitalis, darunter Pudding, Drinks und Riegel.[6] Diese allgemeinen Lebensmittel gehören nicht zum NEM-Markt; sie zeigen, wie etablierte Supplement-Rohstoffe neue Konsumanlässe erschließen. Für NEM-Anbieter wächst damit der Wettbewerb um dieselbe tägliche Routine. Pulver, Kapseln und Gummies müssen sich an erreichbarer Tagesdosis, Einnahmekomfort und Kosten je Anwendung messen lassen.

Weniger belastbar ist die Übertragung solcher Funktionsvorteile auf Lebensverlängerung. IQVIA beschreibt den deutschen Markt der NAD+-Booster im Juni 2026 als kleines Wachstumssegment und verweist zugleich auf fehlende langfristige gesundheitsbezogene Humanbefunde.[7] Aus Produktentwicklungssicht liegt die tragfähigere Positionierung deshalb derzeit bei definierten Funktionen und Zielgruppen. Ein veränderter Laborwert allein begründet noch keinen relevanten Alltagsnutzen.

Frauengesundheit verlangt präzisere Zielgruppen und Studien

Frauengesundheit entwickelt sich zu einer differenzierteren Produktstrategie: Zyklusbeschwerden, die Übergangsphase zur Menopause und die spätere Lebensphase erzeugen unterschiedliche Erwartungen. Eine universelle „Balance“-Rezeptur kann diese Unterschiede wissenschaftlich kaum abbilden. Besonders interessant ist die Verbindung mit mikrobiellen Inhaltsstoffen, weil hier neue Forschungsansätze und technisch flexible Rohstoffe zusammentreffen.

Am 25. Februar 2025 meldete ADM eine exklusive Vertriebsvereinbarung mit Asahi für das hitzeinaktivierte Lactobacillus gasseri CP2305. Der Anbieter beschreibt den Rohstoff als für anspruchsvolle Formulierungen einschließlich Gummies geeignet.[8] Eine bereits 2022 veröffentlichte, von Asahi finanzierte randomisierte Studie wertete Daten von 80 prämenopausalen Japanerinnen zwischen 40 und 60 Jahren über sechs Menstruationszyklen aus. Nachträgliche Ausschlüsse aus der Auswertung begrenzen zusätzlich die Aussagekraft. Mehrere Symptomskalen verbesserten sich gegenüber Placebo. Die Differenz beim Anteil der Frauen mit Verbesserung des Gesamt-Symptomscores erreichte hingegen keine statistische Signifikanz.[9]

Das ist ein Entwicklungssignal mit klarer Reichweite: Untersucht wurden milde Beschwerden, ein bestimmter Stamm und eine definierte Zubereitung. Für umfassende Menopause-Versprechen reicht diese einzelne Untersuchung nicht. Auch der zugelassene Vitamin-B6-Claim zur Regulierung der Hormontätigkeit beschreibt einen begrenzten Nährstoffbeitrag; er belegt keine umfassende Behandlung von Wechseljahresbeschwerden.[5]Für europäische Projekte bleiben die Verkehrsfähigkeit des konkreten mikrobiellen Rohstoffs und die zulässige Kommunikation eigenständige Entwicklungsaufgaben.

Mikrobiom: Der Nutzen wird stammspezifisch messbar

Darmgesundheit erweitert sich in Richtung Stoffwechsel. Eine am 13. Mai 2026 in Nature Medicine veröffentlichte randomisierte Studie mit 90 Erwachsenen untersuchte pasteurisierte Akkermansia muciniphila MucT nach einer achtwöchigen kalorienarmen Diät mit mindestens acht Prozent Gewichtsverlust. Während der anschließenden 24-wöchigen Erhaltungsphase betrug die Gewichtszunahme unter Supplementierung durchschnittlich 1,2 Kilogramm, unter Placebo 3,2 Kilogramm.[10]

Das Ergebnis betrifft die Gewichtsstabilisierung nach einer Diät. Es lässt sich weder auf beliebige Bakterienmischungen noch auf die Begleitung einer GLP-1-Therapie übertragen. Die begrenzte Dauer sowie Unternehmens- und Patentinteressen im Autorenteam sprechen für unabhängige Bestätigung, bevor daraus ein breites Nutzenversprechen entsteht.[10]

Parallel entwickelt sich der regulatorische Zugang weiter: Mit der Verordnung (EU) 2026/391 vom 23. Februar 2026 wurden Verwendungsbedingungen und Kennzeichnung für pasteurisierte Akkermansia angepasst. Für Erwachsene bleibt die Höchstmenge bei 3,4 × 10¹⁰ Zellen täglich; Schwangere und Stillende sind ausgeschlossen. Der Schutz der Zulassungsdaten läuft bis 1. März 2027. Währenddessen ist der Marktzugang grundsätzlich an den Zulassungsinhaber oder dessen Zustimmung gebunden; eigenständig belegte weitere Zulassungen bleiben möglich.[11] Der Rohstoffzugang ist damit wirtschaftlich ebenso relevant wie die Studienlage.

Technisch bietet die inaktivierte Form einen anderen Entwicklungsweg als lebende Kulturen. Zu beherrschen sind Stammidentität, Fermentations- und Inaktivierungsprozess, Zellquantifizierung sowie die Übereinstimmung mit der zugelassenen Spezifikation. Die Bezeichnung „Postbiotikum“ ersetzt diese Rohstoffbeschreibung nicht. Der Wettbewerb verschiebt sich damit hin zu reproduzierbaren Zutaten mit dokumentiertem Nutzenprofil. Im Scale-up müssen Prozessausbeute und Erhalt der maßgeblichen Eigenschaften zusammenpassen. Eine kostengünstigere Inaktivierung oder Trocknung kann die Übertragbarkeit des untersuchten Rohstoffprofils berühren. Das macht Prozessänderungen, analytische Methoden und belastbare Lieferantenspezifikationen zu einem Teil des Geschäftsmodells.

GLP-1 schafft Bedarf an ergänzender Ernährung

Die medikamentöse Gewichtsreduktion eröffnet ein weiteres Anwendungsfeld. Bei stark reduziertem Appetit wird es schwieriger, ausreichend Protein und Mikronährstoffe aufzunehmen. Eine gemeinsame Stellungnahme von vier medizinischen und ernährungswissenschaftlichen Fachgesellschaften aus 2025 hebt deshalb eine nährstoffreiche Ernährung, bedarfsgerechte Supplementierung und Krafttraining hervor. Sie ist eine fachliche Handlungsempfehlung und kein Wirksamkeitsnachweis für kommerzielle GLP-1-Begleitprodukte.[12]

Für Hersteller entsteht daraus ein konkretes Entwicklungsbriefing: kleine Portionen, hohe Nährstoffdichte, gute Verträglichkeit und eine sinnvolle Ergänzung zur tatsächlichen Ernährung. Pauschale Multikomponentenprodukte treffen den Bedarf nur begrenzt. Proteinversorgung und ein möglicher Mikronährstoffmangel müssen jeweils getrennt betrachtet werden. Personalisierung ist hier vor allem als bedarfsgerechte Auswahl und Begleitung plausibel. Ein Fragebogen allein liefert keine klinische Validierung für eine individuelle Wirkstoffmischung. Wirtschaftlich interessant sind Angebote, die Beratung und Verlaufskontrolle mit überschaubaren, reproduzierbaren Rezepturen verbinden. Die zusätzliche Betreuung muss sich allerdings im Preis und in der langfristigen Kundenbindung tragen.

Ein international relevantes Verfahrensbeispiel stellte Nestlé am 15. April 2025 vor: Molkenprotein-Mikrogele sollen konzentrierte, haltbare Proteingetränke ermöglichen, ohne die sonst problematische Verdickung beim Erhitzen. Das erste Produkt, Boost Pre-Meal Hunger Support, wurde damals als US-Shop-Test vorgestellt.[13] Für DACH liegt die Relevanz in der Formulierungstechnologie und den kompakten Trinkformaten. Eine dortige Markteinführung oder eine EU-Claim-Freigabe ist damit nicht belegt. Ebenso wenig folgt aus einer ernährungsbedingten GLP-1-Ausschüttung eine arzneimittelvergleichbare Wirkung.

Über alle vier Linien hinweg wird die Darreichungsform zum wirtschaftlichen Faktor. Eine attraktive Gummiform verliert ihren Vorteil, wenn die erforderliche Tagesportion zu groß wird; ein konzentrierter Shot benötigt überzeugende Sensorik und nachgewiesene Lagerstabilität. Entscheidend ist die Verbindung von wirksamer Dosis, herstellbarer Rezeptur und tragbarem Monatspreis. Hochwertige Rohstoffe, Stabilitätsprüfungen und klinische Entwicklung verteuern den Markteintritt. Ihr wirtschaftlicher Wert entsteht erst, wenn der dokumentierte Unterschied für Käufer verständlich ist und Wiederkäufe auslöst. Auch ein wachsender Gesamtmarkt schützt eine einzelne Marke daher nicht vor schwacher Rentabilität.

Gesundheitsbezogene Werbung benötigt weiterhin ihre eigene Rechtsgrundlage. Eine positive Studie und eine Novel-Food-Zulassung erfüllen unterschiedliche Zwecke; keine von beiden erteilt automatisch eine Claim-Erlaubnis.[14] Für die Schweiz kommen die eigenständigen Vorgaben etwa zu Zusammensetzung, Höchstmengen und Kennzeichnung hinzu.[15] Damit führt die Trendanalyse die bereits bei Food Essentials behandelte Frage weiter, warum die gewünschte Kommunikation vor der Rezeptur geklärt werden sollte.[16]Erfolgreiche NEM-Innovation verbindet diesen frühen Abgleich mit einem Bedarf, der auch nach der ersten Werbekampagne bestehen bleibt.

Food Essentials begleitet die Bewertung, Entwicklung und Markteinführung von Nahrungsergänzungsmitteln – von Rohstoff und Verfahren bis zur Produktpositionierung.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntag, Ihr Andreas Gebhart

 

Quellen

Quellen geprüft am 5. September 2026.

  1. AK NEM: Marktanalyse, 25.06.2026 · Methodik, 30.06.2026
  2. IQVIA: VMHS-Markt, MAT 02/2025 · Marktdefinition
  3. dm: Mivolis-Neuheiten
  4. KMU Forschung Austria: SafeNEM, S. 17–19, 25
  5. VO (EU) 432/2012, Anhang: Kreatin und Vitamin B6
  6. Alzchem: Q3/2025, Abschnitt 1.4
  7. IQVIA: NAD+-Booster, 29.06.2026
  8. ADM: CP2305-Vertrieb, 25.02.2025
  9. Sawada et al.: CP2305, Nutrients 2022
  10. Mount et al.: Akkermansia, Nature Medicine 2026
  11. VO (EU) 2026/391, Anhang · VO (EU) 2017/2470, Anhang: Akkermansia
  12. Mozaffarian et al.: GLP-1-Ernährung, 2025 · Berichtigte Fassung, 2026
  13. Nestlé: Protein-Mikrogele, 15.04.2025
  14. VO (EG) 1924/2006, Art. 5, 6 und 10
  15. BLV: Nahrungsergänzungsmittel
  16. Food Essentials: Kommunikation vor Rezeptur, 16.08.2026

Hinweis: Dieser Beitrag dient der fachlichen Information und stellt keine Rechtsberatung dar. Bild: KI-generiert.

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